In diesem Blog schreibt Petra Bock über das Phänomen MINDFUCK® und das, was wir tun können, um unser Leben von Grund auf zu verbessern. Freuen Sie sich auf Geschichten, Tipps, Analysen und Kuriositäten, wie wir uns selbst sabotieren, wie wir uns davon befreien und endlich unser volles Potenzial entfalten können.

Loslassen und neu beginnen

Um etwas Neues anzufangen muss man etwas Altes loslassen, heißt es. Ich habe mich lange gegen Weisheiten dieser Art aufgelehnt, ja, innerlich richtig dagegen rebelliert. „Ich will das Alte behalten und was Neues anfangen!!!“ habe ich gesagt. Möglicherweise liegt es daran, dass ich gerade eine Fastenkur am Tegernsee mache, vielleicht liegt es auch daran, dass Ostern ist, aber ich denke, es ist etwas dran an der alten Weisheit vom Loslassen. Ein Körper, so erfahre ich gerade, verschlackt, wenn er das Falsche zu sich nimmt. Aber auch dann, wenn er vom Richtigen zu viel bekommt. Sogar an Obst, das doch für sich gesehen sooo gesund ist, kann man sich überessen. Übertragen auf unser Leben heißt das, dass ein falsches Leben mit zehntausend faulen Kompromissen ebenso überlastet wie eines mit aufregenden Projekten, tollen Erfolgen und allem ChiChi. Man kann auch eine Luxuskreuzfahrt an sich selbst vorbei machen.

Was also tun? Endlich bescheidener werden? Einstimmen in den Spießigkeitskanon der „weniger ist mehr“-Litanei? Keineswegs. Ich weiß sehr wohl, dass ein erfülltes, intensives Leben möglich ist. Aber nicht zum „Nulltarif“, um es mit einem berühmten Brillenhändler zu sagen. Es hat seinen Preis. Blöd eigentlich. Aber wahr. Es bedeutet nicht nur, eine Menge Neues anzufangen, auszuprobieren und zu wagen –was ja auch sehr aufregend ist - , sondern vor allem, Altes loszulassen, zu verlernen, sich abzugewöhnen. Es bedeutet, einen echten Bruch mit seiner bisherigen Vergangenheit herbeizuführen. Das kostet Kraft und höchste Achtsamkeit. Denn wir sind, was uns so menschlich macht, viel stärker im Festhalten als im Loslassen.

Menschen, die ihr Leben von Grund auf verbessern, treffen nicht nur täglich andere Entscheidungen, sie haben auch eine innere Wandlung durchgemacht, die die Basis von allem ist. Sie haben einen anderen „State of Mind“, eine andere innere Haltung als vorher. Was ist damit gemeint? Zum Beispiel nicht mehr zu akzeptieren, in schlechten Umgebungen zu funktionieren. Nicht mehr zu akzeptieren, sich täglich selbst zu schädigen, mit Verhaltensweisen, die man schon lange „über“ hat. Von Mindfucks aller Art Abstand zu nehmen. Von Angst, Selbstverleugnung, Druck, überholten Regeln, Misstrauen, gnadenloser Bewertung oder falscher Euphorisierung. Ist so ein Weg nur mit Rosen gepflastert? Sie können es sich selbst denken.

Und vielleicht ist es ein gutes Bild, das uns die Ostergeschichte vermitteln kann. Jeder Auferstehung geht ein Tod voraus. Und mit ihm die Angst vor diesem Tod. Für mich ist es eine der menschlichsten und schönsten Geschichten im Neuen Testament wie sich Jesus am Gründonnerstag existenziell allein gelassen fühlt. Wie er einfach Angst hat. Angst vor dem Tod, der aber, metaphorisch gesehen, jeder Verwandlung vorausgeht. Bevor wir uns also zu dem Leben hinbewegen, das wir wirklich haben wollen, kommt so eine Phase der Angst und der Einsamkeit. Der Fragen, ob das denn alles richtig ist und wirklich sein soll. Und in diesem Moment sind sie alle da, die Anfechtungen unserer Mindfucks. Dann steht eine riesengroße Frage im Raum: Zurück ins alte Leben? Oder auf in eine andere, noch nie erlebte Qualität? Ohne Loslassen kein Neubeginn.

Doch an der Ostergeschichte gibt es noch ein Mysterium, das bei näherem Hinsehen ein wichtiger Hinweis für alle Formen von Wandlung, von Veränderung ist. Jesus steht nicht sofort wieder auf, nachdem er gestorben ist. Wäre doch eigentlich viel wirkungsvoller gewesen! Stellen wir uns vor, Jesus wäre nach dem Tod am Kreuz sofort wieder aufgestanden und hätte gesagt: „Hallo hier bin ich!“ Hat er – laut Bibel - nicht getan. Er ist erst am dritten Tag wieder auferstanden. Eine tiefe Weisheit, denn nach dem Tod sollte erst einmal Ruhe sein. Ruhe, sich innerlich neu zu fassen, neu zu organisieren. Nicht gleich raus mit großem Tam Tam und allen zeigen, wie toll das neue Leben ist. Es ist besser, sich Zeit zu nehmen, wenn man sich von seinem alten Leben verabschiedet. Vielleicht ein wenig trauern um die verschenkten Jahre, das, was man sich so alles angetan hat. Die anderen da draußen ein wenig irritiert sein lassen. Sie müssen sich auch erst von dem Menschen, der Sie einmal waren, verabschieden. Denn Sie werden auf dem Weg zu Ihrem wahren Leben nicht der Mensch bleiben, der Sie heute sind. Rückzug hat also eine große Qualität.

Aber vielleicht sind Sie da noch gar nicht. Und wollen lieber damit starten, ernsthaft darüber nachzudenken, was Sie loslassen müssten, um der Mensch zu sein, der Sie wirklich sein wollen und auch sein können. Was ist also zuerst dran? Was werden Sie loslassen? Was hindert Sie im Moment noch daran, zu neuen Ufern aufzubrechen? Die gute Nachricht ist, dass es meist genau das ist, was uns sowieso schon lange nervt, was im Weg steht. Warum also nicht mutig sein und es anpacken? Sie wissen ja: Nach dem Loslassen beginnt es.

Ich wünsche Ihnen schöne Ostern und viel Zeit für sich, Ihre Lieben und Ihr Leben!

 

 

Alles Gute zum Valentinstag!

Für manche ist es einer der schönsten Tage des Jahres. Zauberhafte Stunden zu zweit verbringen, sich tief in die Augen schauen und aus vollem Herzen ewige Liebe schwören. Für andere kommt eine Menge Druck auf. Huch, jetzt noch schnell ein Geschenk, hoffentlich gefällt es ihm/ihr? Muss ich eigentlich mitmachen, bei diesem Konsumrausch? Andere wissen gar nicht, ob die Stimmung gut genug ist für einen gemeinsamen Valentinstag. Und wieder andere hoffen seit ewigen Zeiten darauf, endlich einmal nicht mehr Single zu sein an diesem Tag: Nächstes Jahr, das wird MEIN Valentinstag!

Was auch immer Sie in Bezug auf diesem Tag bewegen sollte: ich habe für heute ein paar Anregungen für Sie. Beantworten Sie sich die drei Fragenkomplexe, die ich für Sie zusammengestellt habe und machen Sie damit aus dem heutigen Tag einen besonders wertvollen Tag in Ihrem Leben.  Zu zweit oder allein.

  1. Was ist in der Liebe los in Ihrem Leben? Wie sieht Ihre Liebesrealität gerade aus? Wie glücklich sind Sie auf einer Skala on 0 (Liebe? Was ist das?) bis 10 (einfach nur wundervoll!)? Woran liegt es, dass Sie genau diesen Wert gewählt haben?

  2. Wie wäre es am Schönsten? Woran würden Sie nächstes Jahr erkennen, dass sich Ihr Liebesleben nochmal ganz entscheidend verbessert hat?

  3. Was brauchen Sie, um dorthin zu kommen? Was könnten Sie heute schon dazu beitragen – als Signal, dass Sie es ernst meinen? 


Wenn Sie dann noch Druck, Angst, kindliche Erwartungen, Bewertungen oder sonstige MINDFUCKS beiseite lassen und sich selbst und die Liebe als erwachsener Mensch ernst nehmen, wissen Sie auch schon, was genau zu tun ist. Viel Erfolg und vor allem Spaß dabei!

P.S.  Besonders gut wirkt das Ganze, wenn Sie die Antworten in ein Notizbuch, oder noch besser, auf ein großes Blatt schreiben und – je nach Inhalt –an einem geheimen Ort lagern, an dem Sie hin und wieder nachschauen können oder – am allerbesten - alles offen in Ihr Schlafzimmer hängen. Dorthin, worauf morgens Ihr erster und abends Ihr letzter Blick fällt. 

YOGA statt MINDFUCK!

Das Jahr ist gerade einmal einen vollen Monat alt. Aber ich bin schon voll an meine Grenzen gegangen. Haben Sie sich an Silvester auch gute Vorsätze gemacht? Ich ja. Denn das ist für mich eine gute Tradition, die sich echt bewährt hat. Und ich habe diesmal mit etwas angefangen, wovon ich mich viele Jahre durch zahlreiche MINDFUCKs selbst abgehalten hatte. Doch nun bin ich stärker: Ich mache jetzt Yoga. Vielleicht fragen Sie sich, welche MINDFUCKs man zu so einer gesunden, überall empfohlenen Art, etwas für sich zu tun, haben könnte. Nun, ich habe dazu viele Ideen. Zuerst einmal Bewertung: „Ach, das ist doch wieder so ein Lifestyle-Ding, das völlig überbewertet ist. Willst Du (!) jetzt auch zu diesen „Yoga-Tanten“ gehören?“ Gefolgt von weiteren Bewertungen: „Und was ist, wenn Du Dich gleich in der ersten Stunde vollkommen blamierst und wie Kafkas Käfer auf dem Rücken liegst und die Beine nicht mal 1 cm vom Boden hochbekommst? „Alle „Förderturnen-Traumata“ aus der Schulzeit kamen auf einmal hoch, denn jeder Sport, der auch nur entfernt mit Gelenkigkeit oder gar Grazie und Eleganz zu tun hatte, war für mich als Schülerin der reinste Horror und hat mir jede Menge Hohn und Spott eingebracht. Als nächstes ein schöner Selbstverleugnungs-MINDFUCK®. „Also das kannst Du so einer Gruppe nicht antun, die müssen dann deinetwegen langsamer machen und haben weniger Spaß!“  Und, um das Maß vollzumachen und die Sache endgültig zu begraben: „Was ist, wenn Du Dich beim Kopfstand am Nacken verletzt? Kannst Du so ein Risiko überhaupt verantworten? (Katastrophen-MINDFUCK®).“  Nachdem ich mehrmals mit dieser ganz besonders fiesen Stimmlage, die nur der „Wächter“ im MINDFUCK-Universum kennt, auf mich eingehackt hatte, atmete ich ein Mal tief durch und sah mir die Sache als erwachsene, neugierige Frau an. Schluss mit all den MINDFUCKs! Ich will das jetzt ausprobieren! Gesagt, getan: Fröhlich auf der Matte herumgerollt, gelacht, geschwiegen, gelernt, gefreut, mich ein bisschen selbst bemitleidet (aua!) und hinterher mit einem breiten, entspannten Grinsen und einer neuerworbenen Matte unterm Arm hinaus in die frische Winterluft. Ich mache jetzt also Yoga. MINDFUCKfrei. Viele Menschen denken übrigens, man müsse sich vor allem zu vernünftigen Dingen gute Vorsätze machen. Wir müssten immer wieder unseren „inneren Schweinehund“ überwinden. Ich finde, wir sollten vor allem da unsere MINDFUCKs überwinden, wo wir sie wie einen Pfropfen vor die Erlebnisse packen, die wir uns eigentlich schon lange wünschen. Ein Leben ohne MINDFUCK ist nicht unbedingt ein überaus vernünftiges Leben, wo wir endlich perfekt und in allen Dingen funktionieren: nur noch gute Gedanken, nur noch Essen ohne Kohlenhydrate, mindestens drei Mal die Woche Sport und vier Fremdsprachen fließend... Nein, es ist eher ein schönes Leben. Und manchmal sind die gesunden Dinge auch einfach nur schön. Falls ich Sie jetzt ein wenig verwirrt haben sollte, war das Absicht. Was wollen Sie schon lange einmal erleben? Welche MINDFUCKs hindern Sie daran? Wie wäre es, wenn Sie sie alle beiseite schieben und offen und neugierig loslegen? 

 

Welches Leben leben Sie in 2015?

Vor genau zehn Jahren, im Winter 2004/2005 hatte ich gerade das Manuskript meines Buches „Die Kunst, seine Berufung zu finden“ abgegeben. Es war das Ergebnis meiner eigenen Suche und der Erfahrungen, die ich mit meinen Klienten in Coachings gemacht hatte. Damals war dieses Thema noch ungewöhnlich und neu. Viele zeigten mir offen ihr Unverständnis. „Man muss doch schon froh sein, wenn man einen Job hat“ sagten sie. In Interviews, die ich zu diesem Buch gab, fragten mich entgeisterte Journalisten, ob das nicht ein „Luxusproblem“ sei angesichts von damals mehr als 4 Millionen Arbeitslosen. Und überhaupt, „Berufung“, was für ein großes Wort in unserer nüchternen Zeit! In den Jahren danach ist viel passiert. Wirtschaft, Gesellschaft und Weltpolitik stehen an einem ganz anderen Punkt.
 
Was sich aber nicht geändert hat und sich aus meiner Sicht über alle Jahrhunderte nicht ändert, ist die Frage, wie jeder Mensch ein gutes, erfülltes Leben führen kann. Diese Frage ist kein Luxus, sondern die Urfrage, die wir uns alle stellen sollten, und die sich Menschen seit Urzeiten stellen. Die griechischen Philosophen fragten nach der „Eudamonia“, dem erfüllten, geglückten Leben und wie man denken und handeln müsse, um es zu erreichen. Die vedischen Texte aus Indien, die noch viel älter sind, beschäftigten sich ebenfalls mit dieser Frage. Die Antworten, die Menschen in den Jahrhunderten und den verschiedenen Kulturen gaben, lassen sich im Kern in zwei Denkrichtungen aufteilen. Die eine Richtung empfiehlt, sich aus dem faktischen, weltlichen Leben herauszuziehen, sich nach Innen zu versenken, ein kontemplatives unerschütterliches und weises Leben zu führen. Das Ideal war, ob wir in der Praxis des Yoga oder in der stoischen römischen Philosophie nachfragen, innerlich unerschüttlerlich und losgelöst von seinen Begierden und Sehnsüchten zu sein. Nichts mehr zu wollen, so heißt es hier, sei der Weg dazu, alles zu bekommen. Die andere Denkrichtung, deren frühe Spuren wir zum Beispiel bei Epikur finden, rät zum genauen Gegenteil: Sich dem Leben und seinen Genüssen voll und ganz zu öffnen, nichts auszuschlagen und stattdessen danach zu streben, voll und ganz im Hier und Jetzt zu sein.
 
Heute, im frühen 21. Jahrhundert, können wir uns unsere eigene Philosophie erschaffen. Für viele wird die Wahrheit wohl irgendwo zwischen beiden Richtungen zu finden sein. In meiner Arbeit und in meinen zahlreichen Selbstversuchen, ein erfülltes Leben zu genießen, habe ich eine gute Synthese in dem Gedanken gefunden, das Leben im Hier und Jetzt in vollen Zügen zu genießen, das aber aus einer ganz bestimmten Haltung heraus, die viel von dem hat, was die Inder als „Weisheit“ bezeichnen: aus dem selbstwirksamen, balancierten Erwachsenen-Ich heraus. Wenn ich das Leben aus dem Kind-Ich heraus suche, wird es von übermächtigen Gefühlen gesteuert: Begierde, Angst, Abhängigkeit, Ohnmacht oder dem Wunsch nach Allmacht. Ich bin dann immer auf der Suche nach dem nächsten „Kick“, möchte dauernd „bespaßt“, geliebt und unterhalten sein. Es ist die natürliche, kindliche Erfahrung, die wir alle teilen: Himmelhochjauchzend und zu Tode verzweifelt. Gefühle können von einem Moment auf den anderen umschlagen. Für Kinder ist dieser Zustand normal und richtig. Er ist der Stoff, aus dem ein Mensch seine Persönlichkeit und seine Denkweisen formt. Das andere Extrem, die Selbstkasteiung und das Lossagen von allen Wünschen hat etwas, das an Selbstvergessenheit erinnert. Eine Selbstvergessenheit, die wir aus der kindlichen Perspektive vor allem dem Eltern-Ich zuordnen. Perfektion, Selbstbeherrschung, dauernde Vernunft, alles im Griff haben, über den Dingen stehen, keine Bedürfnisse haben. Für mich ist das ebenfalls ein Extrem, das nicht dazu führt, ein erfülltes Leben zu erleben. Und deshalb denke ich, dass wir den in der Spiritualität so wichtigen Begriff des „Ego“ den unteren Ebenen von Kind-Ich und kindlich verstandenem Eltern-Ich zuschreiben können. Es ist eine Sichtweise auf uns selbst und den Menschen an sich, die frühen Entwicklungsstadien entspricht und in einem erfüllten Erwachsenenleben nicht viel zu suchen hat.
 
Der Weg, der heute zu einem guten und erfüllten Leben führt, ist der über die Stärkung des inneren Erwachsenen in uns.  Erwachsen sein ist eine Haltung. Sie kommt nicht von selbst.  Aber sie ist immer da, wenn wir sie suchen. Wir können diese Haltung jederzeit einnehmen. Erstaunlich ist, dass sogar Kinder ab einem bestimmten Alter diese Haltung einnehmen können, wenn man sie, geschult in der Methode, dazu ermuntert. Der erwachsene Mensch ist selbstwirksam und weiß darum. Er ist offen, neugierig und mutig. Er kann dem Leben real vertrauen und kennt seine tiefste Motivation. Aber er weiß auch, dass er nicht übermenschlich und perfekt ist. Dass es auch Tage gibt, in denen Unangenehmes oder sogar Leid auf uns warten. Und dennoch: Der erwachsene Mensch kreiert sein Leben nach Gedanken und Gefühlen, denen er immer mehr Raum geben möchte in seinem Leben. Dazu gehört zum Beispiel, keine destruktiven Spielchen mehr in der Liebe zu akzeptieren, insgesamt keine „toten Pferde“ mehr zu reiten und in seinem Leben als Beruf seine Berufung zu suchen und Schritt für Schritt zu realisieren. Dazu gehört auch, das Leben und seine materiellen Genüsse in vollen Zügen zu erleben, ja vielleicht sogar zu zelebrieren. Im Wissen, dass eines  Tages alle Genüsse enden werden, sollten wir sie noch mehr und bewusster lieben statt  sie zu verachten. Nicht immer gelingen all diese Schritte auf ein Mal. Es kann Jahre dauern, Schritt für Schritt sein Leben aufzuräumen und in diesem aufregenden und heute auch manchmal Besorgnis erregenden jungen Jahrhundert ein selbstwirksames, aufrechtes, emotional und mental erfülltes Leben zu führen. Als Erwachsener auf Augenhöhe mit anderen. In Respekt vor sich, dem eigenen Leben und dem der anderen.
 
Möglicherweise haben Sie Lust bekommen, das kommende Jahr dem wahrhaft erwachsenen Menschen, der Sie sind, zu widmen. Vielleicht möchten Sie dem Jahr ein Motto geben, das anzeigt, dass Sie sich als erwachsener Mensch in diesem Jahr ein wesentliches Stück weiter entfalten möchten. Dass Sie bestimmte faule Kompromisse beenden und wirkliche, tiefe Lebenswünsche realisieren werden. Im Klaren darüber, dass nur Sie handeln und die notwendigen Schritte gehen können.

MINDFUCK.Love - Wie wir uns in der Liebe selbst sabotieren und was wir dagegen tun können

MINDFUCK.Love ist draußen...Und bei all den Liebesratgebern fragt man sich natürlich, warum jetzt auch noch dieser? Ich denke, dass ich die Liebe in diesem Buch aus einem anderen Blickwinkel betrachte. Aus der Wirtschaft und dem Berufscoaching kommend, erlebe ich immer wieder, dass meine Klienten, wenn es wirklich wichtig wird, auch über ihr Liebesleben sprechen. Und dass sie sich mit den gleichen Mustern selbst blockieren wie in anderen Bereichen. Ich bin keine sogenannte Liebes- oder Beziehungsexpertin, sondern Expertin dafür wie Menschen innerlich "ticken", wie sie sich innerlich selbst steuern und manchmal eben auch vorbeisegeln an dem Leben, das sie sich eigentlich wünschen. In den Interviews, die ich im Moment gebe, muss ich das immer wieder erklären.

In MINDFUCK.Love geht es nicht um Klischees, nicht darum, ob Männer besser einparken und Frauen besser zuhören können etc. Ich denke, dass sich Menschen, die sich nicht mehr selbst sabotieren, ähnlicher sind, als wir bisher angenommen haben. Und dass beide die gleiche Chance haben, das alles endlich hinter sich zu lassen. Beide Geschlechter fallen im MINDFUCK-Modus in Muster und Haltungen zurück, die sie eigentlich zeitlich oder biografisch längst hinter sich haben: in einen oder mehrere der sieben MINDFUCKs und zugleich in Kind-Ich oder Eltern-Ich-Haltungen. Sie geben sich hilfloser und abhängiger als sie sind, "bocken" trotzig herum, machen auf "cool", obwohl sie es nicht sind, oder kritisieren, maßregeln und besserwissern um die Wette. Manche sind so sehr im Kümmer-Modus für den anderen, dass sie selbst gar nicht mehr vorkommen in ihrem Leben. Da schenken wir uns alle, egal ob Männlein oder Weiblein, wirklich nichts.

Die gute Nachricht. Wenn wir uns selbstwirksam im Erwachsenen-Ich auf der Höhe unserer Zeit und unserer persönlichen Entwicklung erleben, sind wir uns ebenfalls wieder erfreulich ähnlich. Meine Erfahrung ist, dass Männer wie Frauen, wenn Sie sich voll und ganz in ihrem erwachsenen Potenzial erleben, sehr ähnliche Wünsche und Vorstellungen von einer gelungenen Liebe haben: Intensität, eine Begegnung auf Augenhöhe, erwachsene Nähe und Vertrauen, Zärtlichkeit, guten Sex und die gemeinsame Lust, auf ein aufregendes und erfüllendes "Projekt Leben".

Das beste daran: wir sind die ersten Generationen, die das wirklich miteinander erleben können. Niemals gab es bessere Zeiten für die wahre Liebe als heute. Für jede und jeden von uns.

Und das ist doch nun wirklich mal eine gute Nachricht, oder?

 

P.S. Wenn Ihnen das Buch gefällt, freue ich mich riesig auf Ihre Leserfeedbacks und wäre sehr glücklich über eine Amazon-Rezension von Ihnen. Sie darf aber das Wort "Mindfuck" nicht enthalten, sonst wird sie nicht veröffentlicht. Sie können sich mit anderen Schreibweisen wie MF oder Mindf*** behelfen. Das alles ist sozusagen der achte Mindfuck, den es nur bei Amazon gibt ;-)

Das Leben ist ein wunderschöner großer Zufall

Auf der Absperrung zur Baustelle des neuen Ministeriums für Bildung und Forschung in Berlin steht in großen Lettern ein Zitat von Marie Curie: "Man muss an seine Berufung glauben und alles daran setzen, seine Ziele zu erreichen". Ich las die Botschaft dieser großen Frau aus einer anderen Zeit während ich gerade, innerlich unter Hochdruck, auf dem Weg in meine Akademie war. Muss man? Muss man das wirklich? An seine Berufung glauben und alles daran setzen, seine Ziele zu erreichen?

 

Denken beginnt da, wo der Zweifel an den bisherigen Gewissheiten beginnt. Und im Moment habe ich viele Zweifel. Wenn ich die MINDFUCK®-Theorie zu Ende denke, dann frage ich mich, was bleibt, wenn wir uns nicht mehr stören. Was ist mit all den Gewissheiten? Ohne MINDFUCK entsteht, wie ich finde, ein jungfräulicher Raum des Denkens, in dem alles wieder beginnen darf. Ganz neu und ohne Gewissheiten. Ein aufregend neuer Ort.

 

An diesem aufregend neuen Ort schreibe ich gerade an meinem neuen Buch über die Liebe. Es lohnt sich, die Liebe, dieses größte und schönste aller Lebensthemen, radikal zu hinterfragen. Sich von allen Gewissheiten zu lösen und, wie Hannah Arendt sagte, sich zu erlauben "ohne Geländer" über sie nachzudenken. Was heißt Liebe ohne MINDFUCK? Und wie schwer machen wir sie, wenn wir sie mit MINDFUCK sabotieren!

 

Doch was ist nun mit Marie Curie und ihren Gewissheiten? Vor einiger Zeit führte ich bei einem guten Glas Wein ein schönes, leichtes lebensphilosophisches Gespräch und konfrontierte meine Gesprächspartnerin mit dem Zitat von Marie Curie und der eigenartigen Beklemmung, die es in mir ausgelöst hatte. Ich fragte, ohne eine echte Antwort zu erwarten, wie man das Leben denn wirklich auf den Punkt bringen könne. Und da sagte sie: "Weißt du, was ich glaube? Das Leben ist in Wahrheit ein wunderschöner großer Zufall und es kommt darauf an, es möglichst zu genießen."

 

Vielleicht, liebe, verehrte Marie Curie, wäre dein Leben nicht nur groß, sondern auch glücklicher verlaufen, wenn du das gewusst hättest. 

 

Die vierzig Arten der Dankbarkeit

Seit einigen Jahren ist Bewegung in die Welt der Psychologie gekommen. Die Psychologie hat das Positive entdeckt und daraus einen eigenen Ansatz, die Positive Psychologie, entwickelt. Die von Martin Seligmann und seiner Schule begründete Forschungsrichtung stößt in Deutschland auf immer mehr Interesse. Eine sehr wichtige, nun von der Positiven Psychologie wissenschaftlich erwiesene Erkenntnis ist,  dass es bestimmte Einstellungen sind, die glücklicher machen. Eine Sache, die besonders glücklich machen soll, ist demnach die Dankbarkeit.

Ich gebe zu, dass ich mich mit dieser These zu Beginn sehr schwer getan habe. Ich bin in einer sehr konservativen Gegend groß geworden und da war das „sei dankbar“ gleichgesetzt mit dem „beschwer dich nicht, bleib bei deinen Leisten, fordere nichts, sei bescheiden und dankbar, dass es nicht schlimmer kommt“. Dankbarkeit und Unterordnung waren fast eins. Später, als ich als ganz junge Erwachsene auf jeden Esoterik-Zug aufsprang, der mir etwas Sinn und mehr Kontrolle über mein Leben versprach, war Dankbarkeit ganz wie damals im heimischen Niederbayern die Anregung, alles, aber auch wirklich alles, was mir an Miesem widerfuhr mit „Dankbarkeit“ zu nehmen und daraus zu lernen. Das Schwere im Leben sei nur eine Lektion, in Wirklichkeit gebe es das alles sowieso nicht, es sei sogar die Konstruktion meines eigenen Ego. Auch hier: Dankbarkeit als Annehmen des Unannehmbaren, als Aufforderungen auch noch „Danke“ zu sagen, wenn ich einen Tritt bekam. Nur nicht wehren, nur still halten, aushalten.

Und so wundert es mich heute nicht, dass ich eine frühe Abneigung gegen die Dankbarkeit entwickelt hatte. Denn diese Form der Dankbarkeit wäre, das ist mir heute klar, eine besonders perfide Art ausgekochten Druckmacher-MINDFUCKS, der im Ergebnis in die Selbstverleugnung führen soll.

Nun ist ein genialer Forscher und Psychologe wie Martin Seligmann mit Sicherheit kein MINDFUCKer und so habe ich über die Dankbarkeit noch einmal nachgedacht. Und mit ihr experimentiert. Mit für mich sehr erfreulichen Ergebnissen. Ich möchte sogar sagen, dass ich heute ein ausgesprochener Fan der Dankbarkeit bin und mich geradzu vom Saulus zum Paulus entwickelt habe, was die Dankbarkeitsfrage betrifft. Wenn wir die Dankbarkeit aus der Perspektiver der MINDFUCK®-Theorie betrachten, erschließen sich ihre Fallstricke und ihre herausragenden Chancen sofort. Sie werden es umgehend bemerken, wenn ich Ihnen drei kleine Experimente vorschlage.

  • Stellen Sie sich vor, Sie sind dankbar aus dem hilflosen Kind-Ich heraus
  • Nun probieren Sie es einmal aus dem strafend-bewertenden Eltern-Ich heraus
  • Und nun erleben Sie die Dankbarkeit aus der Haltung des selbstwirksamen, balancierten Erwachsenen heraus


Merken Sie den Unterschied? Die Dankbarkeit, die ich in strenger Kirchenlehre oder den meisten Formen der Esoterik gelernt hatte, war die aus dem Eltern-Ich heraus, die mich aufforderte, wie ein Kind, das ohnmächtig und klein ist, „dankbar“ zu sein und nicht aufzumucken. Meine Reaktion, die Allergie gegen Dankbarkeit, erlebte ich, wenn ich ins trotzige Kind-Ich ging: „Die können mich mal mit ihrer Dankbarkeit...“

Aus dem selbstwirksam-balancierten Erwachsenen-Ich heraus aber ist Dankbarkeit eine äußerst wirksame Kraft, die die Lebensqualität außerordentlich stärkt. Es ist das klare und bewusste Annehmen des wirklich Guten in unserem Leben. Und das wiederum, ist eine Ressource für gute wie für schlechte Tage. In meinem Seminar in der Toskana habe ich den Teilnehmern u.a. empfohlen, zur einfachen und nachhaltigen Steigerung der Lebensqualität die Fähigkeit, aus dem erwachsenen-Ich heraus dankbar zu sein, zu trainieren und zu stärken. Ich selbst bin heute im Durchschnitt ungefähr 40 Mal am Tag dankbar. Ich habe es extra einmal beobachtet, um meine volle Aufmerksamkeit darauf zu legen. Ob es die tiefe Freude über einen kräftigen und -  hmmm - aromatischen Espresso am Morgen ist, der Blick  von meiner Terrasse über den herbstlichen Berliner Tiergarten, die Dankbarkeit mit so interessanten und motivierten Leuten arbeiten zu dürfen oder einfach in einer Zeit zu leben, in der so vieles möglich ist. Das sind nur vier der ungefähr vierzig Arten von Dankbarkeit, die ich heute erlebe. Ich kann Ihnen diese Haltung nur weiterempfehlen. Aus dem Erwachsenen-Ich heraus gedacht führt sie nicht zu weiterem Duckmäusertum, sondern zu noch mehr Freude und Motivation am Leben, der Freiheit, der eigenen Selbstwirksamkeit und der Fähigkeit, gut mit sich und anderen umzugehen.

Und so wird sie es wohl meinen, die Positive Psychologie. Gut, dass es sie heute gibt.

 

Wahlmöglichkeit Nummer 5

Manchmal werde ich gefragt, was ich als das Wichtigste, als die Essenz aus meiner langjährigen Arbeit mit Menschen ansehen würde. Wenn ich eine Bilanz ziehen und meine Erfahrung auf wenige Sätze bringen müsste, dann wäre folgender ganz bestimmt dabei: So, wie du über dich und die Welt denkst, so ist dein Leben.

So einfach ist das. Und das hat für mich nichts mit positivem Denken, Quantenphysik, Religion oder Esoterik zu tun, sondern ist eine ganz und gar bodenständige, praktische, einfach reale Beobachtung. Ich möchte Ihnen das anhand eines Beispiels erläutern.

In den ersten Jahren meiner Arbeit habe ich vor allem Menschen geholfen, ihre Berufung zu finden und diese auch erfolgreich umzusetzen. Was mir dabei auffiel: Die meisten Menschen wissen tief in sich ganz genau, was sie gerne in ihrem Leben tun würden. Sie wissen das sogar schon lange.  Meistens sind diese Vorstellungen nicht einmal sehr exotisch, sondern sehr realistisch. Meistens kenne ich sogar jemanden, der genau das macht, was sich mein Klient tief drin wünscht und für völlig unrealistisch hält. Und wissen Sie, was das Verrückte ist? Viele von uns haben eine geradezu ausgeklügelte Meisterschaft darin entwickelt, dieses Wissen in sich zu vergessen, zu verdrängen oder zu verleugnen.

Es gibt Hunderte von Spielarten, wie man sich innerlich selbst klein machen, Chancen verweigern, notorisch bewerten, gegen sich selbst argumentieren oder sich gnadenlos zum Funktionieren bringen kann. Oftmals gehe ich gemeinsam mit meinen Klienten den ganzen Weg durch den Dschungel ihrer selbstsabotierenden Gedanken. Manchmal ist das so anstrengend, als ob wir den Amazonas an seiner breitesten Stelle durchquert hätten. Ich weiß dann aber, dass das größte Hindernis, die härteste Prüfung erst vor uns liegt. Ich nenne diesen Punkt mittlerweile die "Schwelle zum wahren Leben", den Punkt, an dem man, noch bevor man es wirklich realisiert, an die Grenze der tiefsten Wahrhaftigkeit sich selbst gegenüber angekommen ist.

An diesem Punkt haben wir nicht viele Wahlmöglichkeiten. Im Grunde genommen genau fünf. Sehen wir uns das an, denn manchmal nimmt das geradezu kuriose Ausmaße an. Ein Mensch ist gerade dabei, seine ältesten echten Träume zu realisieren, das Thema, um das es immer schon geht in seinem Leben, und fängt mitten in meiner Praxis an, mit weit aufgerissenem Mund zu gähnen. Er wird todmüde und bekommt fast kein Wort mehr über die Lippen. Ein anderer wird ungeduldig und aggressiv, geht mich an und trommelt nervös mit den Fingern auf der Armlehne. Eine nächste, eine gestandene Frau, die das Leben nun wirklich kennt, fleht mich mit weit aufgerissenen Augen an, ihr zu sagen, was sie machen solle. Wieder eine andere muss mitten im Satz ganz plötzlich die Waschräume aufsuchen und so weiter und so fort. Für mich ist dies alles ein sicheres Zeichen, dass wir beim Eingemachten angekommen sind.

Wenn es ernst wird mit dem wahren Leben, reagieren Menschen mit Stress. Mit Stress und noch hartnäckigeren MINDFUCKS. Wenn Sie also dabei sind, Ihre wahren Themen zu erkennen und erste echte Antworten erahnen, kommt häufig das Gefühl auf, ungeheuer müde zu werden, fliehen zu wollen, scheinbar grundlos aggressiv zu werden oder hilflos, klein und schutzbedürftig zu sein. Sie können sich dann sicher sein, dass Sie an einem sehr sehr wichtigen Punkt in Ihrem Leben angekommen sind. Willkommen an der Schwelle zu Ihrem wahren Leben! Denn Stress spüren wir nur dann, wenn es deutlich hinaus geht aus der gewohnten Komfortzone. Bleiben wir drin in der Komfortzone, folgen wir den Stressmustern und warten bis der Impuls zur Veränderung vorbei ist, dann bleibt alles wie es ist. Und genau da kommen sie, die wichtigsten Fragen - das Tor zu Wahlmöglichkeit Nummer fünf:  Wollen Sie das? Soll alles so bleiben wie es ist? Oder soll und darf es anders werden? Wenn ja, wie soll es werden, wenn Sie die Hand aufs Herz legen, sich selbst ernst nehmen und all Ihren Mut zusammennehmen? Wahlmöglichkeit fünf ist, sich selbst gegenüber intellektuell, emotional, ja, existenziell wahrhaftig zu sein. Sich selbst im übertragenen Sinne ernsthaft und tief in die Augen zu schauen und sich zu fragen: Was ist wahr? Was will ich wirklich? Was brauche ich? Was soll aufhören? Was will ich erleben? Ohne was nicht sterben? Ja, wer bin ich wirklich, wenn ich mich nicht störe? Und was soll dieses eine Leben hier sein und werden, wenn ich es wirklich ernst nehme?

Wahlmöglichkeit Nummer fünf zu wählen, heißt, sich endlich selbst zu sehen und den oder die, die man da sieht, wirklich ernst zu nehmen. Ein manchmal schwieriger, ja erschütternder Moment, der mit unmittelbarer Trauer über die lange Zeit des Wegschauens vor sich selbst und schierer Angst vor dem fundamental Neuen begleitet sein kann. Doch es ist aus meiner Sicht der beste und sicherste, ja, der vielleicht einzige Weg in eine selbstwirksame Haltung. Wenn Sie Wahlmöglichkeit Nummer fünf, diese grundlegende Ehrlichkeit sich selbst gegenüber immer öfter wagen, werden Sie mit der Wiederentdeckung Ihrer besten Eigenschaften belohnt: Mit Mut, mit Ideen, mit Tatkraft und einem täglich wachsenden Selbstwertgefühl.

 

Anfangen mit dem Aufhören

Am vergangenen Mittwoch war ich zur Aufzeichnung der ZDF-Nachmittagstalkshow "Inka!", wo ich etwas über MINDFUCK erzählen durfte, als mich eine neugierige, hellwache, junge Frau am Rande des Geschehens ansprach. Sie meinte, sie sei jetzt knapp über 30 und komme aus einer Generation, in der Ängste, Panikattacken und das Gefühl, ständig am Limit zu sein, an der Tagesordnung seien. Sie beneide mich, weil ich es ja "zu meiner Zeit" viel einfacher gehabt hätte.

Ich war bass erstaunt, denn bisher war ich der Überzeugung, natürlich ausgerechnet zu der Generation zu gehören, der es immer knapp schlechter ging und dass es allen davor und danach besser ging. Immer dann, wenn man mit dem Autoführerschein nicht mehr automatisch den Motorradführerschein bekam, mehr Fahrstunden oder der Helm für das Mofa Pflicht wurden, konnte ich zum Beispiel sicher sein, dass es mich erwischte und mein älterer Bruder, Jahrgang `66, knapp davon gekommen war. Gut, zu meiner Zeit - ich bin Jahrgang 1970 - fuhr man noch Fahrrad ohne Helm, auf den Skiern war man ebenfalls ganz oben ohne und insgesamt fielen mir in den paar Sekunden, in denen ich über die Aussage meiner Gesprächspartnerin nachdachte, nur Nebensächlichkeiten dieser Art ein. Ausweichmanöver. Ihre These hatte mich in Wirklichkeit im Mark erschüttert. 

Erst vor wenigen Wochen hatte ich beim Durchscrollen der Nachrichten von einem jungen Mann gelesen, der sich als Praktikant mit Anfang 20 tatsächlich buchstäblich zu Tode gearbeitet hat. Ich bin bestimmt kein überzartes Pflänzchen, aber diese Nachricht erschütterte mich auf eine ganz eigenartige Weise und ließ mich mitten in einem Café das Weite suchen, um nicht sofort in Tränen auszubrechen. Ich weiß aus meinen jungen Jahren zu gut, wie es sich anfühlt, sich beinahe zu Tode zu arbeiten und ich frage mich, in welcher Welt wir leben, wenn sich Praktikanten zu Tode arbeiten und gut ausgebildete, hellwache Dreißigjährige erzählen, Angst, Panikattacken und Dauerüberforderung gehörten zu ihren Alltagserfahrungen.

Ich glaube, dass wir die Haupt-MINDFUCKs einer Gesellschaft sehr gut an den Gedanken und Ängsten der um die 30jährigen erkennen können. Und diese sind tatsächlich sehr stark. Und sie werden wohl noch Opfer kosten, für die wir uns alle vielleicht im Stillen schämen werden. Und dennoch gibt es, wie ich finde, eine gute Nachricht: Die MINDFUCKS werden stärker, je größer das tatsächliche Potenzial an Freiheit und Entfaltung ist und je größer die Veränderungen sind, die hinter ihnen warten. Starke MINDFUCKS sind aus meiner Erfahrung ein deutliches Zeichen dafür, dass das Alte heftig gegen das Neue kämpft, bei jedem von uns und auch in ganzen Generationen und Gesellschaften. Angst und Kleinmachen sollen uns schützen vor unserer wahren Größe, denn früher war es sehr riskant, groß zu sein. Wenn wir erkennen, dass wir das heute nicht mehr brauchen und nicht mehr glauben müssen, was wir da manchmal denken, dann entsteht etwas sehr Großes und Schönes. Eine Welt, die keine toten Praktikanten mehr braucht, die stattdessen, offen, kreativ und wirklich menschlich ist. Davon bin ich überzeugt.

Alleine ist es aber gar nicht so leicht. Wir brauchen uns alle ein wenig mehr, um anzufangen mit dem Aufhören. Ich sah der jungen
Frau am Set in die Augen und ich sagte ihr: "Ja, ich wei
ß ganz genau, was Sie meinen." Und wir lächelten uns an. Vielleicht war dieses Wenige schon ein guter Anfang.

Editorial MINDFUCK-Blog

Heute starte ich den Blog, auf den ich innerlich Jahre hingearbeitet habe. Einen Blog, in dem ich ohne Umschweife darüber schreibe, was mich täglich und zwar seit Jahrzehnten bewegt. Nicht nur seit ich um die Jahrtausendwende angefangen habe, Menschen im Einzelgespräch zu coachen, sondern weit davor: Als ich mich als Unternehmensberaterin in Frankfurt fast zu Tode gearbeitet habe, als ich aus einer erdrückenden geistigen Enge aus der niederbayrischen Provinz geflohen bin, als ich...

Nein - eigentlich hat alles noch früher begonnen. Als ich mir mit 14 oder 15 Jahren das erste Geschichtsbuch gekauft habe, um zu verstehen, warum die Dinge so sind, wie sie sind. Und warum sie irgendwann angefangen haben, sich zu ändern. Das alles wollte ich in seiner Tiefe ergründen, um etwas für mich sehr Wertvolles, ja Überlebenswichtiges zu finden: was könnte ich tun, um mein kleines enges Leben zu verändern? Was könnte ich tun, um raus zu kommen aus dem Mief und die große Welt da draußen kennen zu lernen, zu erfassen, zu verstehen, in vollen Zügen zu erleben, zu genießen und meinen Teil darin beizutragen?

In diesem Blog dürfen Sie deshalb alles erwarten. Nur das nicht: Oberflächliche Weisheiten, die die wahre Komplexität unseres Lebens verschleiern. Es ist ein ehrlicher, persönlicher, vielleicht sogar intimer Blog. Ich will mich hier mit Menschen, Ereignissen und Strategien beschäftigen, die manchmal einfach nur komisch, zum Lachen, vielleicht auch traurig, aber immer wirklich nachdenkenswert sind. Wenn Sie das interessiert und Sie vielleicht sogar etwas dazu beitragen wollen, können Sie meinen Blog ab jetzt abonnieren.